schlagstundentotTag
von Andrea Gläser
6.30 Uhr, der Wecker macht sich unüberhörbar. Ich will nicht aufstehen, habe noch ein bisschen Zeit.
7.00 Uhr, der Wecker macht sich noch unüberhörbarer. Okay, gewonnen, ich stehe auf, bemerke, dass der Akku meines Handys leer ist. Also wird Strom draufgejagt. Toilettengang, Gesicht unter kaltes, klares Wasser halten, Kontaktlinsen auf die Augen, eincremen, Zähne putzen, Haare kämmen, anziehen. Was anziehen? Egal, ich sitze den ganzen Tag in einem fast leblosen Büro mit mehr oder weniger leblosen Menschen, da kommt es auf die Kleidung auch nicht mehr an – ein Leichentuch vielleicht. Banane, Apfel, Joghurt, Brote in die Tasche gepackt, ins Treppenhaus, durch die Haustür, raus, ins Auto, losfahren, down the waterfall, wherever it may take me...wer weiß das schon?
7.55 Uhr, ich fahre auf den Parkplatz, ziehe den Autoschlüssel aus dem Zündschloss, steige über die Treppenstufen hinauf in die zweite Etage, stecke einen anderen Schlüssel ins Türschloss – und ich bin drin.
Keiner da, außer mir. So kommt es mir oft vor, keiner da, außer mir...
Spülmaschine anstellen, wann kriegen die Putzfrauen das endlich hin, Kaffeemaschine anschmeißen, Rechner hochfahren, Telefone umstellen, hinsetzten und sitzen.
8.20 Uhr, das Geräusch eines Schlüssels von außen im Türschloss, Kollege um Kollege öffnet die Tür, Guten Morgen, gedankenverlorene Blicke, Guten Morgen, wer hat den schon?
8.45 Uhr, und, wie geht’s Dir? Was hast Du am Wochenende gemacht?
10.15 Uhr, ich esse meine Banane, zwischen Faxgerät und Tastatur, das Telefon hat schon mal häufiger geklingelt, aber das war mal, ist schon lange her, kommt mir ziemlich lange her vor...Was habe ich mit der ganzen Zeit gemacht, seitdem es mir lange her vorkommt? Nicht viel, denn sonst säße ich hier nicht mehr. Denke ich mir jetzt, viel später - aber hoffentlich nicht zu spät.
11.22 Uhr, ich sehe der Kohlensäure in meinem Wasserglas zu, wie sie sprudelt.
Das Telefon hat vier Mal geklingelt, die Tür habe ich zweimal geöffnet, UPS, Paket für sie, eine Unterschrift bitte. Danke. Wenigstens scheint die Sonne.
12.23 Uhr, ich war gerade auf der Toilette, habe schon zwei Flaschen Wasser getrunken, das mit der Kohlensäure. Ich frage mich, ob manche Dinge oft nicht eintreten, weil man sie zu sehr will. Vielleicht sehe ich alles zu verbissen...
In einer halben Stunde esse ich mein zweites Brot.
12.39 Uhr, ich habe gerade den letzten Bissen meines Brotes runtergeschluckt, also keine halbe Stunde gewartet. Wozu auch? Muss alles perfekt getimt sein? Nee, sowieso nicht, obwohl es vieles einfacher machen würde.
13.12 Uhr, ich weiß nicht, den wie viel millionsten Blick ich schon auf mein Handy werfe, das habe ich heute morgen von zu Hause mitgenommen und hier in der Firma an die Steckdose gehängt habe, es wird geladen, und geladen und geladen – irgendwann muss dieser beschissene Akku doch wieder voll sein. Man kann doch nicht ständig alles nur aufnehmen, in sich reinfressen – irgendwann muss man so vollgefressen mit sich selbst sein, dass man dem Platzen nahe ist.
15.03 Uhr, jemand hat mir um 11.30 Uhr eine Mail geschickt, die ist erst jetzt in meinem Postkasten gelandet. Würde mich mal interessieren, auf welchen Umwegen so manche E-Mail über den Datenhighway düst. Aber es ist doch gut zu wissen, dass sie immer wieder ankommt. Wenn auch erst später, aber sie kommt an. Das lässt mich hoffen - hoffen darauf, dass ich auch irgendwann dort ankomme, wo ich hingehöre...so scared of what i’m doing all the time...
16.13 Uhr, saftig ist er, mein Apfel, frisch ist er und fruchtig, nicht so schrumpelig und weich, wie die Äpfel, die hier in der Firma in einem Karton liegen, der hinter der Tür steht. Kein Wunder, wenn der Karton hinter der Tür steht, da wird doch niemand auf die Äpfel aufmerksam. Es dauert nicht mehr lange, dann sind sie braun und schimmelig, werden weggeschmissen, das war’s, ohne dass jemand bemerkt hat, dass ein Karton mit Äpfeln hinter der Tür stand. In ein oder zwei Monaten werde ich hier auch nicht mehr sitzen – ob jemand bemerkt haben wird, dass ich hier gesessen habe?
17.02 Uhr, der Feierabend rückt näher und bei dem Gedanken daran fühle ich mich schon ein wenig lebendiger, das Leichentuch kann abgeworfen werden.
17.29 Uhr, in einer Minute kann ich aufhören zu sitzen, durch die Tür gehen, muss erst am nächsten Morgen wiederkommen und alles fängt von vorne an - obwohl ich mittendrin stecke, in mir, meinem Leben, meiner Stadt, meiner Ausbildung, meiner Schule, mit dem Gefühl, nicht mehr rauszukommen.
Das Telefon stelle ich auf “Nacht“ – wenn es heute noch mal klingeln sollte, springt der Anrufbeantworter an, denn ich bin dann nicht mehr da – für ungefähr 14 Stunden komme ich auch nicht wieder.
Wenn’s nicht von vorne anfängt, dann lässt man es eben wieder von vorne anfangen - und was davor war, zählt nicht mehr...denke ich mir.