Wochenendparanoia
von Thorsten Lehmkühler
Raus. Ein „Schönes Wochenende“ auf dem Abgang serviert bekommen, automatisch beantwortet. Man ist höflich. Weiß, was sich gehört.
Ins Auto, ein letzter Blick auf die Firma, das war’s, bis Montag. Den Wagen angeschmissen und im Radio säuselt eine Stimme. Spricht ihn an, erzählt von 1000 Möglichkeiten, die ihm offen stehen bei diesem schönen Wetter. Zu warm für diese Jahreszeit, aber wen interessiert´s. Liegen wir halt zwei Monate mehr im Freibad und starren auf knapp bekleidete Menschen und speichern sie für unsere nächtlichen Phantasien ab.
Ein Stop beim Supermarkt. Hochsaison, alle wollen jetzt die Chips und das Bier für die Abende einkaufen. Motorisch schmeißt er die Sachen in den Einkaufswagen, überlegt, ob er das ganze Bier braucht. Ja, er kennt sich, es wird nötig sein.
Vor ihm bei der Kasse packen drei junge Hüpfer alle Cerealien für eine Grillparty aufs Band, beraten sich, ob es auch für alle Gäste reichen wird. Seine letzte Grillparty war auf dem Familientreffen. Alle erzählten sich bei Wurst und Spießen, was sie geleistet haben, was ihre Kinder leisten und was sie noch alles leisten. Er leistet nichts, hat keine Kinder, die was leisten. Keinen spannenden Kegelclubausflug, von dem er berichten kann. Nichts.
Die Kassiererin reißt ihn aus den Gedanken und wirft ihm einen Blick zu. Er fühlt sich ertappt, sie weiß, was seine Zusammenstellung auf dem Band bedeutet.
Zuhause checkt er die Post und den AB. Nichts, Rechnungen, Werbung und die Stimme seiner Mutter auf dem AB. Ob er sie am Wochenende besuchen will. Er war schon so lange nicht mehr zuhause.
Er packt die Einkaufssachen aus und überlegt, ob er seine Mutter anrufen soll. Nein, noch nicht, vielleicht später. Der Ofen wird angestellt, die 1000. Tiefkühlpizza aufgerissen. Sie wird nach nichts schmecken. Warum sollte er auch was schmecken?
Am Küchentisch wird die Post durchgegangen. Die Telefonrechnung scheint ein neuer Rekord zu sein. Vielleicht doch Zeit für eine „Flatrate“? Nein, das darf nicht sein, in zwei Monaten würde man in irgendeiner Community über seinen Selbstmord diskutieren. Totaler Realitätsverlust wäre die Diagnose.
Der Griff geht automatisch zur Fernbedienung. Die vorabendliche Berieselung von Crime & Sex saugt ihn auf, zeigt ihm immer neue Sachen, die er gucken muss. Ausschalten.
Gute Entscheidung, er holt die Pizza aus dem Ofen und schaut in die Zeitung, was heute Abend in der Stadt los ist. Eine Disco ruft; ein Vortrag könnte sich als interessant erweisen.
Das Telefon lockt, wo soll er anfangen? Wen anrufen? Das Ganze sollte strategisch geplant werden. Mit den Notfallkandidaten für den Abend anfangen, denen kann er notfalls noch absagen, falls sich was Besseres bietet. Aber noch warten, es ist noch zu früh.
Lieber einen Kaffee aufsetzen, die Zeitung noch mal aufschlagen, die Sache ruhig angehen. Er kann sich auf die Unruhen im Ausland und die neuesten Gesetze nicht konzentrieren, er blickt immer zum Telefon. Er hebt den Hörer hoch und beginnt.
Das war’s. Alle haben ihm von ihren tollen gefüllten Leben erzählt und erklärt, warum sie heute Abend keine Zeit für ihn haben. Zwei hat er noch nicht erreicht. Vielleicht klappt es ja doch noch.
Das erste Bier wird geknackt; der Freitagabend bietet zumindest einen guten Film. Wieso läuft der Held eigentlich immer alleine durch die Gegend? Warum braucht der niemanden außer dieser neuen mysteriösen Frau? Was hat er ohne sie gemacht?
Das Telefon klingelt, seine Hoffnungen steigen, aber es ist nur seine Mutter, die wissen will warum er nicht angerufen hat. Er redet sich raus, erzählt von Überstunden und dem Lob des Chefs. Sie fragt, ob er sie am Wochenende besucht. Stille. Er erzählt von der Konzeption, die er noch für die Firma machen muss und bedauert es, dass er keine Zeit hat. Sie wünscht ihm viel Erfolg und will ihn nicht länger bei der Arbeit stören. Er legt den Hörer auf. Glaubt sie das noch oder spielt sie einfach das Spiel mit?
Der Film hat seinen Reiz verloren; alles scheint so vorhersehbar. Er dreht den Ton niedriger und schaltet den PC ein. Vielleicht kann er sich in irgendeinem lustigen Chat die Zeit vertreiben. Er öffnet noch ein Bier und schaut auf den sich aufbauenden Monitor. Der Abend muss lang werden. Damit er lange schläft und seinen Tag erst ab dem Nachmittag füllen muss und schnell zum Abend kommt. Was soll er machen, wenn er um 9.00 aufsteht, zum Mittagessen das erste Bier trinken?
Im Chat spricht niemand darüber, warum sie alle an einem Freitagabend vor dem PC sitzen. Alle sind cool und schreiben sich mit ihren hippen Namen nette Sachen. Er spielt mit, bis ihm nach dem dritten Bier der Kragen platzt und er es rauslässt:
WAS MACHT IHR HIER? WARUM SEID IHR NICHT DRAUSSEN AM LEBEN? WAS HABT IHR ALLE FÜR DÄMLICHE AUSREDEN DAFÜR, DASS IHR AN EINEM FREITAGABEND STUNDENLANG SCHEISSE QUATSCHT?
Plop. Die Community schmeißt ihn raus. Einer schreibt ihm noch zum Abschied „Nur weil es Dir Scheisse geht, musst Du uns nicht die Laune vermiesen.“
2.00 nachts, im Fernsehen laufen nur noch Talkshowwiederholungen und schlechte Action- und Sexfilme. Er bleibt beim Sexfilm hängen. Es macht ihn nicht an, nur depressiv. Sein letzter Sex ist solange her, dass er glaubt, dass es nur eine besonders reale Phantasie gewesen sein muss.
Um 3.00 geht er ins Bett, onaniert stupide vor sich her und schläft ein.
Der Wecker zeigt halb 12, draußen tobt das Leben, Leute gehen einkaufen, treffen sich zum Frühstück, gehen ihren Hobbies nach. Er dreht sich um und versucht weiter zu schlafen.
Es bringt nichts, er steht auf, duscht ausgiebig und macht sich fertig. Wenn er nur wüsste, warum.
Er geht zum Bäcker holt Brötchen.
„Zwei Brötchen bitte“
„Vielen Dank“
Die ersten beiden Sätze zu einer realen Person seit fast 24 Stunden. Der Gedanke beißt sich fest auf dem Rückweg. Um ihn rum nur Leute. Alle reden. Alle haben jemanden zum Reden über das neuste Schnäppchen und die neue Baustelle.
In der Zeitung steht nur der gleich Müll wie gestern, keine Katastrophennachricht, die alles zum einstürzen bringt. Aus dem Radio kommt wieder die säuselnde, gutgelaunte Stimme, die wieder das Wetter anpreist mit seinen 1000 Möglichkeiten. Kann es nicht regnen? Eine Rechtfertigung für den tagelangen Aufenthalt in der Wohnung geben?
Der Tag muss gefüllt werden. Er fährt mit dem Auto in die Videothek. Er will nicht zu Fuß gehen und glückliche Menschen um sich rum haben.
Die Videothek ist noch leer. Die Einsamen kommen erst abends, zusammen mit den Leuten, die eine halbe Stunde darüber diskutieren, welchen Film sie nun bei ihren Videoabend gucken wollen. Er will ihr Gebrabbel nicht hören und streift durch die Reihen. Es gibt nichts Neues, er hat fast alles gesehen. Mit zwei Kassetten steht er an der Kasse, „Dirty Dancing“ und ein neuer Actionfilm. „Den soll ich für meine Freundin mitbringen“ Verdammt, wem will er hier eigentlich noch was vorlügen? Ihm sollte es egal sein, was diese picklige Aushilfskraft mit Kassenbrillengestell von ihm denkt.
Im Auto legt er eine Kassette ein. Er will nicht wieder diese gutgelaunte Stimme hören. Seine Augen bleiben auf dem Asphalt kleben, er will das Leben auf den Bürgersteigen, in den Cafes und Parks nicht sehen.
Der Videorecorder spult „Dirty Dancing“ an den Schluss vor. Er sieht sich den Abspann im Schnelldurchlauf an, nimmt die Kassette raus und packt sie wieder in die Hülle. „Meine Freundin hat geweint wie jedes Mal“ wird er sagen.
Er beginnt zu kochen, Zwiebel schälen, Wasser heiß machen, Gemüse schälen, kochen, umrühren, würzen. Das Essen schmeckt nach nichts. Er kann nicht kochen.
Aber damit kann man die Zeit begründet totschlagen. Er macht den Abwasch und achtet penibel darauf, dass alles sauber wird.
Er schaut aufs Telefon. Nein, sie müssen ihn anrufen, er wird niemanden hinterher telefonieren. Was sollen sie denn von ihm denken?
8.00, Zeit für den Film. Es scheint der gleiche Film wie gestern im Fernsehen zu sein, nur mit anderen Darstellern und genauso öde. Der Film endet mit einen Happy-End. Er spult die Kassette nach vorne und drückt PLAY. Die Special-Effects waren toll, er muss den Film nochmal gucken, weil die Special-Effects so toll sind. Die muss man gesehen haben.
Um halb eins geht er ins Bett, denkt wie es wäre, wenn er der Held wäre. Oder der Schurke. Oder der abgeknallte Cop. Irgendwer.
9.00, zu früh aber er kann nicht mehr schlafen, der Körper ist regeneriert und verweigert den Schlaf. Mit einem Klumpen ihm Hals steht er auf, duscht, frühstückt und schaut aus dem Fenster. Raus. Er muss raus, sonst dreht er durch und demoliert seine Küche. Irgendeine Scherbe würde aus Versehen die Hauptschlagader am Handgelenk treffen. Quatsch, selbst dafür hätte er nicht den Mut.
Er setzt sich ins Auto und fährt auf die Autobahn. Er fährt zwei Stunden ohne Ziel. Ein Bekannter sagte mal, dass der beste Selbstmord mit 250 Sachen in einen Ferrari auf der Gegenspur ist. Sein Auto fährt nur 180. Er fährt die nächste Ausfahrt ab. In der ausgeschilderten Stadt kennt er jemanden aus dem Urlaub. Vielleicht trifft er sie ja. Sagt, dass er seine Verwandten besucht, die sich am Zoffen wären und er das Weite gesucht hätte. Ein wasserfestes Alibi.
Er läuft die Einkaufstrasse hoch und runter und lässt sich in einem Eiscafe nieder. Das Treiben auf der Strasse wirkt entspannter. Er isst genüsslich sein Eis und beobachtet die Leute. Irgendwas lässt ihn sich entspannen, er findet dafür keinen Grund und denkt nicht weiter nach. Er genießt alles. Das Eis, die Sonne, das Treiben der Menschen.
Um 6.00 setzt er sich wieder ins Auto und fährt zurück. Seine schlechte Laune scheint am Ortschild seines Wohnortes gewartet zu haben und springt ihn an. Er will nicht nach Hause und fährt zu seiner Mutter. Ihm fällt sonst niemand ein, den er spontan besuchen kann.
Die Begrüßung ist herzlich, sie drückt ihn und redet auf ihn ein. Ob er mit der Konzeption fertig wäre. Ob er Hunger hätte. Oder Durst.
„Ja, Durst, einen O-Saft, bitte, es ist so schrecklich warm, oder ? Er nutzt den kurzen Moment aus in dem seine Mutter in die Küche geht, fischt das Fernsehprogramm raus und sucht nach der bestmöglichen Abendunterhaltung. Den Film, den er als „Muss“ seiner Mutter verkaufen kann, um die quälenden Gespräche zu vermeiden. Er findet einen und wartet auf seine Mutter.
Mit gespielter Verwunderung und Freude kündigt er den Film an: „ Ich wusste gar nicht, dass der heute läuft. Den müssen wir gucken. Wenn ich das früher gewusst hätte, hätte ich den Videorecorder programmiert. Es ist doch o.k. für Dich, wenn wir den Film gucken, oder?
Ein monotones „Ja, klar, natürlich“ beantwortet seine Frage. Der Film ist grauenvoll, aber er spielt den Begeisterten und lacht laut an Stellen, wo er glaubt, dass sie lustig sein sollen.
Um 10.00 ist der Film zu Ende, er verabschiedet sich, muss morgen früh raus, der erste in der Firma sein, wünscht eine gute Nacht.
Zuhause legt er sich ins Bett und überlegt, was er seinen Arbeitskollegen übers Wochenende erzählen wird.